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Bewusstsein | Tradition

Aufgrund der unterschiedlichen Zugangsweisen und Weltanschauungen sowie des divergierenden Sprachgebrauchs lässt sich der Begriff Bewusstsein wissenschaftlich nicht klar abgrenzen. Die Philosophie verweist etwa auf die essentielle Wichtigkeit einer unmittelbaren subjektiv erlebten Bewusstseinserfahrung für die Erkenntnis der Wirklichkeit. Psychologie und Neurowissenschaften betrachten das Bewusstseinsphänomen im Zusammenhang mit naturwissenschaftlich messbaren Ursachen und Wirkungen mentaler Zustände. Forschungen zur künstlichen Intelligenz versuchen ihrerseits die mentalen Aspekte gemeinsam mit der Funktionalität neuronaler Prozesse computergerecht zu formalisieren umso das Bewusstsein zu beschreiben.

Einen interdisziplinären Ansatz bietet heute die Kognitionswissenschaft, welche die Integration von Methodik und Erkenntnissen der modernen Informatik einerseits und den empirischen Ergebnissen der Lebenswissenschaften andererseits in den Vordergrund stellt. Die vorliegenden Daten zeigen, dass Menschen nur einen relativ kleinen Teil des Gehirns tatsächlich nutzen. Davon vielfach nur auf wenige, ganz bestimmte Denkstrukturen zurückgegriffen. Diese haben sich in bestimmten sozio-kulturellen Kontexten entwickelt und ziehen folgend entsprechende Handlungsmuster nach sich. Nach traditioneller Auffassung der einschlägigen westlichen Wissenschaften lässt sich das kognitive System in seinem Umgang mit den sich rasch ändernden Rahmenbedingungen durch nachhaltige Bewusstmachung mittels Implementierung entsprechender Lernprozesse und spezifischer mentaler Modifikationen unterstützen.

In den religiösen Denktraditionen sieht man das Bewusstsein als einen Zustand im Sinne von Belebt- oder Beseeltsein. Nicht das wissenschaftliche Verständnis von Bewusstsein als Produkt einer natürlichen Evolution, sondern die Vorstellung der Existenz einer Seele und einer transpersonalen oder transzendenten Geistigkeit ist zentral. Jene als göttlich angesehene Geistigkeit durchdringt nicht nur bloß alles Natürliche und Belebte sondern beseelt und befähigt insbesondere das menschliche Bewusstsein zu einer subjektiven „Ich“-Wahrnehmung. Im Gegensatz zu den anderen monotheistischen Religionen trennt hier das Christentum die metaphysischen Begriffe Seele und Geist klar von einem materiell verwobenen Geist des Menschen.

Mystisch orientierte Religionsansätze, östliche Traditionen und yogische Denkweisen ziehen hingegen die Möglichkeit einer ganzheitlichen oder göttlichen Erfahrung des individuellen Bewusstseins mit ein. Solch uneingeschränktes bewusstes Gewahrsein einer unbegrenzten Wirklichkeit sowie des momentanen Fühlens und Denkens kann der Mensch insbesondere durch meditative Übungstechniken erreichen. Diese achtsame Selbstwahrnehmung durch positive Veränderung des Bewusstseinszustandes geht über die im Westen meist geforderten reflektierenden Beschreibungsmöglichkeiten und empirisch erfassbaren Interventionstechniken hinaus. Das dort zugrundliegende Konzept der Trennung von Körper und Geist offenbart sich aus der meditativen Bewusstseinserfahrung als bloßes Denkkonstrukt.